Doppleschwand – die kleinste Entlebuchergemeinde / 10 Prozent der Einwohner sind Pendler / Einziges Gasthaus vor einem Neubau (Pressebericht vom 10. April 1970)
10.04.1970Von Giancarlo Gonella
Carl Robert Enzmann, Entlebucher Heimatdichter schenkte dem Gemeindeschreiber und Lehrer Karl Unternährer in Doppleschwand im Jahre 1952 das Heimatspiel "Uesers Aentlibuech" mit der Widmung "Was wär ou üses Land ohni Dopplischwand...". Nun, die Gemeinde Doppleschwand ist grössenmässig gesehen die geringste unter den doch recht korpulenten Entlebucher Gemeinden. Ihr Dasein ist von einer bescheidener Natur, langsam tröpfelt die Bevölkerungszahl zurück und so viele Einwohner wie man im Jahre 1810 zählte (739) gab es nie wieder. Kein mächtiger Industriekonzern hat sich in diese Gemeinde gesetzt und stopft ihr die finanziellen Löcher, kein bunter Prospekt rühmt die Aussicht auf 751 m Höhe und eine einzige Wirtschaft, der Gasthof Linde, sorgt für das leibliche Wohl der Einheimischen und jener Wanderer, die auf dem Weg zum Napf vielleicht vorbei finden. In den Strassen lebt die Ruhe, ein halbes Dutzend Kinder spielt eine Westernserie aus dem Fernsehen nach, verkriechen sich in dem morschen Häuschen der alten Linden - Kegelbahn, wo vor 10 Jahren nicht einmal für 3 Franken Stundenlohn ein Kegelaufsteller gefunden werden konnte. Deshalb läuft sie jetzt an geschmierten Seilen und automatisch gesteuert. Das Schulhaus sieht in seinen mächtigen Quadern aus wie ein Hospiz und Einwohner erzählen fasziniert vom kleinen Skilift, der dank dreier Initianten die skisportbegeisterte Jugend zur Wintersaison 250 m weit den Hang emporhievt. Die Häuser sind zumeist sehr alt, doch beim talseitigen Dorfeingang bildet sich ein mutiges Grüppchen neuer Bauten, das Postgebäude ist neusten Datums. Und in einem Jahr soll auch die neue Linde stehen, ein Gasthof, der dann mit Grund auf feine Kundschaft wartet, einen Saal für 150 Personen haben und auch über Fr. 400'000.- kosten wird. Der Name Doppleschwand dürfte vermutlich auf "Dagold" zurückgehen, der als ältester Besitzer der Schwand das Gebiet an der Fontannen urbar machte. Die keilförmig einander zustrebenden Fontanne und Emme bilden noch heute die natürliche Gemeindegrenze. Das Gebiet von Doppleschwand wurde Besitz der Freiherren von Wolhusen, die im 11. Jahrhundert die Kapfenburg bauten. Die Ruinen sind von ihr keine mehr vorhanden und nur der Burggraben erzählt ein bisschen Geschichte. Wohl wusste man all diese Jahrhunderte hindurch, dass es auch einen Geheimgang als Fluchtweg in der Burg gegeben haben musste: Im Jahre 1952 wurde er schliesslich entdeckt, als ein Einsturz den Eingang ermöglichte. Die Burg selber musste nach 1500 zerstört worden sein.
Wie ein Scheitel läuft mitten durch die Gemeinde Doppleschwand die Wasserscheide, rechts eilt das Wasser der Emme zu und links der Fontanne. Dann macht selbst das Dach der Liegenschaft Kreuzbühl mit. Das Wasser der westlichen Dachseite fliesst der Fontanne zu, jenes der Ostseite der Emme. Der höchste Punkt der Gemeinde liegt auf 971 m über Meer (auf der Goberfluh), der niedrigste beim Zusammenfluss der Fontanne in die Emme auf 590 m.
Als eine ursprünglich typische Bauerngemeinde wies Doppleschwand eher einen leichten Bevölkerungsrückgang auf. Heute kann die Bevölkerungsbewegung als stabil bezeichnet werden und man zählt nun regelmässig um die 500 Einwohner.
Vorwiegend beschäftigt man sich in Doppleschwand auf dem Gebiet der Landwirtschaft - auf heute 60 bäuerlichen Betrieben in der Grössenordnung zwischen 2 - 18 Hektaren. Sie ist vor allem auf Milchwirtschaft ausgerichtet, und zwei Käsereien um Dorf und im so genannten "Holz" verarbeiten die Milch zu Emmentaler und Sbrinz. Bis zur Jahrhundertwende wurde in der alten "Hütte" im "Holz" auch Schottenzucker hergestellt. Die Dorfkäserei wurde vor etwas mehr als 10 Jahren in einem Neubau untergebracht. Gelände und Bodenbeschaffenheit erlauben Ackerbau nur im bescheidenen Umfang. Seit dem letzten Weltkrieg ist der Anteil an Ackerbau besonders auffallend zurückgegangen. Zwei Sägereien dienen der Holzverarbeitung.
Die etwas benachteiligte verkehrstechnische Lage hat bis heute die Ansiedlung auch nur von kleiner Industrie nicht ermöglicht. Rund 50 Personen - also 10 Prozent der Bevölkerung oder ein Viertel der Steuerpflichtigen - gehen als Pendler einer Beschäftigung ausserhalb der Gemeinde nach. Da der grösste Teil von ihnen motorisiert ist, können Arbeitsplätze bis in die Stadt Luzern aufgesucht werden. Wer nicht motorisiert ist, ist in Doppleschwand auf Postautokurse angewiesen. 1926 wurde das erste Postauto, ein 6-plätziger Austro-Daimler, in Verkehr gesetzt. Aber für die Doppleschwander war auf der Fahrt nach Wolhusen selten Platz, da der Wagen von Romoos her besetzt war. Um das Platzangebot zu vergrössern, wurde schliesslich im Jahre 1947 ein 20-plätziges Postauto in Betrieb genommen. Doppleschwand hat leider nur dem Namen nach auch einen Eisenbahnanschluss. Am 20. November 1934 wurde - auf Gebiet ausserhalb der Gemeinde - die SBB-Haltestelle Doppleschwand - Romoos eröffnet. Das erste Telefon wurde 1896 in der Linde eingerichtet und bis weit in die zwanziger Jahre hinein zählte man nur 4 Telefonanschlüsse. Heute sind es deren 74. Eine Postablage wurde 1855 errichtet.
Als Pfarrei existiert Doppleschwand schon seit 1274. Das heutige Gotteshaus, von neugotischer Architektur, ist bereits die 3. Kirche in Doppleschwand. Ihre Vorgängerin stammte aus dem Jahre 1489 und war mit einem Käsebissenturm versehen. In der Nacht vom 19. auf den 20. März 1856 wurde in diese eingebrochen und der gesamte Kirchenschatz geraubt. Die Hostien verstreuten die Täter ausserhalb der Kirche. Dort wo sie aufgefunden wurden entschied man sich, sollte die Mitte des Chores der neuen Kirche entstehen. Daraus entstand der im Kanton Luzern unübliche Bau einer nach Norden orientierten Kirche. Meist sind unsere Kirchbauten ja geostet. Baumeister Wilhelm Keller schuf die neugotische Kirche, die am 6. Dezember, am Kirchenpatronsfest, eingeweiht werden konnte. Zur Kirchgmeinde Doppleschwand gehören auch Gebiete der Gemeinde Romoos, Wolhusen und Menznau. Gegenwärtig unterhält Doppleschwand 3 Schulen, zwei Abteilungen zu 3 Klassen im Dorf, mit Beständen von 24 - 30 Schülern und einer Gesamtschule im Holz. Da diese Gesamtschule rückläufige Frequenzen verzeichnet, dürfte sie in nicht allzuferner Zukunft aufgehoben werden. Danach werden die Schüler durch einen Busbetrieb in die Dorfschule gebracht. Doppleschwand gehört zum Sekundarschulkreis Entlebuch, die Schüler der Abschlussklassen besuchen die Schulen von Romoos und Entlebuch. Auch die Absolventen der landwirtschaftlichen Fortbildungsschule werden in Romoos oder Entlebuch unterrichtet. Die Aufwendungen der Gemeinde erstreckten sich in jüngster Zeit vor allem über die Strassensanierungen und die Dorfbeleuchtung. In absehbarer Zeit drängt sich auch der Bau einer ersten Turnhalle auf, die in Kombination mit Militärunterkünften und Zivilschutzanlagen mit einem Totalbetrag von rund einer Million Franken veranschlagt wird. Noch keineswegs gelöst sind die Probleme des Gewässerschutzes. Vorläufig mussten bei Neubauten Kläranlagen genügen. Grössere Projekte werden bis zum Bestehen einer öffentlichen Anlage nicht bewilligt.
Obwohl in Doppleschwand ein Skiclub besteht, kann man kaum von Wintertourismus sprechen. Vor Jahren spukte ein Projekt von 17 Ferienhäuschen durch die Gemeinde, doch daraus wurde aus mancherlei Gründen nichts. Als Attraktion hat Doppleschwand dafür am 1. Sonntag im Oktober eine Kilbi zu bieten, an welcher auch ein Kilbi - Schwingen durchgeführt wird. Ein Doppleschwander Wirt (es gibt nur einen!) meinte dazu: "Das ist die grösste Kilbi im Amt Entlebuch...) Alle zwei Jahre führt die Musikgesellschaft auch ein Dorffest durch.

